Pflanzenporträt - Die Hohe Fetthenne (Hylotelephium spectabile): Ein spätsommerliches Bienenparadies


Eine Pflanze mit doppeltem Talent
Wer im jetzt im September durch unseren Naturgarten in Ungarn streift, kommt an ihr kaum vorbei: die Hohe Fetthenne, botanisch Hylotelephium spectabile (Syn. Sedum spectabile), aus der Familie der Dickblattgewächse (Crassulaceae). Mit ihren fleischigen, graugrünen Blättern und den großen, tellerförmigen Blütendolden in Rosa- bis Purpurtönen ist sie zunächst ein Blickfang – doch ihre eigentliche ökologische Bedeutung entfaltet sich erst bei genauerem Hinsehen. Deshalb widmen wir diesen Blogbeitrag dieser Pflanze, die auch „Herbstfreude“ genannt wird. Eine Freude nicht nur für uns.
Denn während viele Gartenpflanzen im August und September bereits verblüht sind, steht die Fetthenne gerade erst in voller Pracht. Genau darin liegt ihr besonderer Wert für die Insektenwelt.
Eine verlässliche Nektarquelle zur richtigen Zeit
Die Blütezeit der Fetthenne erstreckt sich typischerweise von August bis Oktober – eine kritische Phase im Jahresverlauf vieler Insektenarten. In dieser Zeit, dem sogenannten "Trachtloch" des Spätsommers, wird das Nahrungsangebot in vielen Landschaften knapp: Frühlings- und Sommerblüher sind verblüht, während der Winter noch bevorsteht.
Genau hier setzt die Fetthenne an: Sie liefert zuverlässig Nektar und Pollen, wenn andere Quellen bereits versiegen.

Offene Blütenarchitektur als Einladung
Die Einzelblüten der Fetthenne sind klein, flach und ungeschützt – ganz im Gegensatz zu tiefen, röhrenförmigen Blüten, die nur spezialisierten Insekten mit langem Rüssel zugänglich sind. Diese offene Bauweise macht den Nektar für ein breites Spektrum an Besuchern erreichbar:
Honigbienen (Apis mellifera), die in großer Zahl anfliegen
Wildbienen, darunter Hummeln verschiedener Arten
Schmetterlinge, insbesondere Admiral, Tagpfauenauge und Distelfalter, die die Fetthenne als wichtige Tankstelle vor dem Vogelzug oder der Überwinterung nutzen
Schwebfliegen, deren Larven zudem als natürliche Blattlausvertilger im Garten wirken
Wespen und Käfer, die ebenfalls von der leicht zugänglichen Nektarquelle profitieren
Die zusammengesetzten Blütenstände – botanisch als Schirmrispen bezeichnet – bestehen aus Hunderten von Einzelblüten und bieten dadurch auf kleinem Raum eine enorme Nektar- und Pollendichte. Für ein Insekt bedeutet das: viel Energieertrag bei geringem Anflugaufwand.
Ein Nährstoffdepot mit Strategie
Als Sukkulente speichert die Fetthenne Wasser und Nährstoffe in ihren dicken Blättern und im Wurzelstock. Diese Anpassung an trockene, nährstoffarme Standorte erlaubt es der Pflanze, auch unter Hitze- und Trockenstress zuverlässig zu blühen – eine Eigenschaft, die angesichts zunehmend trockener und heißer Sommer an Bedeutung gewinnt. Während andere Nektarpflanzen bei Trockenheit ihre Blüte einstellen, bleibt die Fetthenne eine stabile Nahrungsquelle. Das Pflanzen der Fetthenne hat sich in diesem extrem heißen Sommer mit wenig Niederschlag bei uns besonderes „bezahlt“ gemacht. Wir mussten die Pflanzen kaum gießen und jetzt entfalten sie ihre volle Pracht.
Ökologischer Mehrwert übers Jahr hinaus
Der Wert der Fetthenne endet nicht mit dem Verblühen. An unserem Standort in Ungarn lassen wir die Blütenrispen und Blätter über den Winter hinweg stehen. Das bietet folgende Vorteile:
Überwinterungsquartiere für Insekten und Spinnentiere in den hohlen Stängeln
Sichtbare Strukturen im winterlichen Garten, die zugleich Raureif und Schnee dekorativ tragen
Samen für Vögel, die die trockenen Fruchtstände im Winter absuchen
Ein naturnaher Rückschnitt erst im zeitigen Frühjahr – statt im Herbst – verlängert diesen ökologischen Nutzen erheblich.

Klein investiert - viel gewonnen
Die Hohe Fetthenne vereint mehrere Eigenschaften, die sie zu einer ökologisch besonders wertvollen Gartenpflanze machen: eine späte Blütezeit, die eine Versorgungslücke schließt, eine für viele Insektenarten zugängliche Blütenform, hohe Trockenheitstoleranz und zusätzlichen Nutzen als Winterquartier. Wer seinen Garten insektenfreundlicher gestalten möchte, findet in ihr eine pflegeleichte und zugleich wissenschaftlich gut begründete Wahl – ein kleiner Beitrag mit spürbarer Wirkung für die lokale Biodiversität. Machen Sie mit!
Herzliche Grüße und wunderschöne Herbsttage,
Ihr/Euer
Klaus Heinzel
Hinweis: Sortenbezeichnungen wie 'Herbstfreude' (Autumn Joy), 'Matrona' oder 'Brilliant' unterscheiden sich vor allem in Blattfarbe und Blütenton, jedoch kaum in ihrem ökologischen Wert für Bestäuber – die Blütenarchitektur bleibt bei allen Sorten gleich attraktiv für Insekten.




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